Geschichte

Gedenkort frühere Synagoge (Goethestraße)

15 MinSchreventeich

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Bleib einen Moment an dieser stillen Ecke stehen, dort wo die Goethestraße auf die Humboldtstraße trifft, am Rand des Schrevenparks. Heute reihen sich hier Wohnhäuser aneinander – doch genau an dieser Stelle erhob sich einst die große Synagoge der jüdischen Gemeinde Kiels.

Synagogue Goethestrasse
Synagogue Goethestrasse.unknown, ca 1930 · gemeinfrei · Quelle

Die Geschichte der Kieler Juden reicht weit zurück. In einem Haus in der Kehdenstraße, das zuvor als Kaffeehaus der Universität gedient hatte, richtete die Gemeinde ihren ersten Betsaal ein und nutzte ihn ab 1796 als Synagoge. Ende 1869 bezog man eine neugebaute, dreistöckige Synagoge in der Haßstraße, deren Betsaal 85 Männern Platz bot und eine Frauenempore besaß. Doch die Gemeinde wuchs – und so entstand ein neuer, größerer Bau.

Am 2. Januar 1910 wurde die Synagoge in der Goethestraße eingeweiht, in Gegenwart von Oberbürgermeister Paul Fuß und des Oberrabbiners aus Wandsbek. Entworfen hatte sie der Kieler Architekt Johann Theede. Es war ein monumentales, vierflügeliges Gebäude, dessen Zentralbau von einer imposanten Kuppel abgeschlossen wurde; im großen, zweigeschossigen Versammlungsraum fanden rund 400 Personen Platz. Die Kieler Gemeinde war ausgesprochen liberal orientiert. Nachdem 1926 der Innenhof überdacht worden war, baute man dort ein Steh- und Wannenbad ein.

Synagoge in der Humboldtstraße, Ecke Goethestraße
Synagoge in der Humboldtstraße, Ecke Goethestraße.Magnussen, Friedrich, 1939 · CC BY-SA 3.0 DE · Quelle

1933 waren nur etwa 0,3 Prozent der Kieler Bevölkerung Juden – und doch bildeten die damals dort lebenden rund 600 Menschen die zweitgrößte jüdische Gemeinde Schleswig-Holsteins nach Altona.

Mahnwache des Aktionskreises für Gewaltlosigkeit für die jüdischen Opfer der Reichskristallnacht am 09.11.1938
Mahnwache des Aktionskreises für Gewaltlosigkeit für die jüdischen Opfer der Reichskristallnacht am 09.11.1938.Magnussen, Friedrich, 1964-11-08 · CC BY-SA 3.0 DE · Quelle

Dann kam die Nacht, die alles zerstörte. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 plünderten und verwüsteten – nach Weisung des damaligen Kieler Polizeipräsidenten Joachim Meyer-Quade – Angehörige von SS und SA unter Aufsicht des SA-Führers Carsten Volquardsen die Synagoge und steckten sie anschließend in Brand. Was Generationen aufgebaut hatten, ging in Flammen auf. 1939 kaufte die Stadt die Ruine samt Grundstück, deren Wert auf rund 200.000 Reichsmark geschätzt wurde, für lediglich 20.000 Reichsmark. Der Abbruch begann im Frühjahr 1939 und zog sich bis in den November 1940. Von der Synagoge blieb nichts erhalten; das Grundstück wurde später neu bebaut.

Die Spuren der Gemeinde verloren sich beinahe ganz: 1961 lebten in Kiel nur noch 27 Jüdinnen und Juden.

Gedenktafel für die 1938 zerstörte Synagoge am Haus Goethestraße, Ecke Humboldtstraße
Gedenktafel für die 1938 zerstörte Synagoge am Haus Goethestraße, Ecke Humboldtstraße.Friedrich Magnussen, 1968-11-08 · CC BY-SA 3.0 DE · Quelle

Erst 1968 erinnerte eine schlichte Bronzetafel an einem in den 1960er Jahren errichteten Wohnhaus an das verschwundene Gotteshaus. 1989 schuf die Hamburger Bildhauerin Doris Waschk-Balz (1942–2025) das heutige Mahnmal aus Bronze. Es zeigt den Augenblick der Zerstörung selbst: Der ordentlich aufgebaute Altar mit dem achtarmigen Leuchter ist umgestürzt, die Wand ist zerbrochen – und die gerade noch in der Schwebe gehaltenen Teile legen eindrücklich Zeugnis ab von der Gewalt und Zerstörungskraft. Die ältere Gedenktafel von 1968 integrierte die Künstlerin in ihr Werk.

So ist dieser stille Ort ein Mahnmal gegen das Vergessen geworden. Am 9. November und an den Jahrestagen der Einweihung der Synagoge wird hier der Opfer gedacht – als Mahnung gegen Antisemitismus, Hass und Gewalt.

Wusstest du?
  • Hier stand ab 1910 die große Synagoge der jüdischen Gemeinde Kiels (Architekt Johann Theede)
  • In der Pogromnacht am 9./10. November 1938 verwüstet und in Brand gesteckt