Kieler Schloss
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Wer am Ufer der Förde nach einer Burg mit Türmen und Zinnen sucht, geht am Kieler Schloss meist achtlos vorbei – denn was hier zwischen Altstadt und Wasser steht, sieht aus wie ein nüchterner Backsteinbau. Dabei reicht seine Geschichte fast bis an die Gründung der Stadt zurück. Um 1242 ließ der Schauenburger Graf Adolf IV. an dieser Stelle eine Burg errichten; sie sollte die junge Siedlung an der schmalen Landzunge zwischen Förde und Kleinem Kiel schützen. Aus dieser mittelalterlichen Anlage entwickelte sich später ein Renaissanceschloss: Herzog Adolf I. verwandelte es von 1558 bis 1568 in einen prächtigen Renaissancebau. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war es eine der Nebenresidenzen der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf – und diente zugleich als Witwensitz: Hier verbrachte etwa Christine von Hessen bis 1604 ihren Lebensabend.
Doch ruhig blieb es nicht. Mit der schleswig-holsteinischen Erhebung von 1848 wurde das Schloss zum Schauplatz der Geschichte: Von 1848 bis 1851 tagte hier die erste demokratisch gewählte Schleswig-Holsteinische Landesversammlung. Wenige Jahrzehnte später zog noch einmal königliches Blut ein. Von 1888 bis 1918 hatte Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder des letzten deutschen Kaisers, seinen Wohnsitz im Schloss.

Dann kam die Nacht, die fast alles auslöschte. Am 4. Januar 1944 brannte das Schloss nach einem Luftangriff bis auf die Grundmauern aus. Jahrhundertealte Bausubstanz, Säle, Sammlungen – verloren.
Auf den verbliebenen Mauern wagte man einen Neuanfang. Am 19. Juni 1961 wurde der Grundstein für den Wiederaufbau gelegt; 1965 wurde der Neubau eröffnet. Statt einer Rekonstruktion der alten Pracht entstand ein moderner Bau. Sein Herzstück aber ist der Konzertsaal der Hamburger Architekten Herbert Sprotte und Peter Neve. Sie lösten das klassische Parkett zugunsten einer Terrassenstaffelung auf und ließen das Publikum die Bühne umschließen, sodass eine enge räumliche Beziehung zwischen Orchester und Zuhörern entsteht – so etwas hatte es in Deutschland zuvor nicht gegeben. Diese Unmittelbarkeit zwischen Musik und Publikum gilt bis heute als Besonderheit.
Lange war das Schloss im Besitz eines privaten Investors, ehe die Landeshauptstadt Kiel das Ensemble 2018 erwerben konnte. Von 2019 bis Ende 2025 wurde der Saal von den Büros gmp · von Gerkan, Marg und Partner und bbp grundlegend saniert. Kernziel der Umgestaltung war es, die minimalistische Klarheit und Materialität des Gebäudes wiederherzustellen – behutsam, sodass rund 70 Prozent der Innen- und Außensteinplatten erhalten und wiederverwendet wurden. Anfang Januar 2026 kehrte das Philharmonische Orchester Kiel nach über fünf Jahren in der Interimsspielstätte an seinen angestammten Ort zurück. So schließt sich der Bogen: von einer Schutzburg um 1242 über Herzöge, Krieg und Wiederaufbau hin zu einem Saal, in dem heute jährlich rund 300 Veranstaltungen mit bis zu 200.000 Besucherinnen und Besuchern stattfinden.
- Aus einer mittelalterlichen Burg hervorgegangen, ab dem 16. Jahrhundert Nebenresidenz der Gottorfer Herzöge
- 1848 konstituierte sich hier die Landesversammlung der schleswig-holsteinischen Erhebung