Geschichte

Kleiner Kiel

20 MinVorstadt

Frei zugänglich

Erzählung wird geladen

Mitten in der Kieler Innenstadt, am Wasser gesäumt von Rathaus und Opernhaus, liegt ein stilles Stück Wasser: der Kleine Kiel. Auf den ersten Blick ein hübscher Stadtteich – tatsächlich aber das letzte Überbleibsel eines alten Förde-Arms. Bis 1846 bildete der Kleine Kiel zusammen mit dem heutigen Bootshafen einen durchgehenden Seitenarm der Kieler Förde. Die alte Stadt war damals fast vollständig vom Wasser der Förde umgeben und stand damit auf einer Halbinsel. Wer den Namen erklären will, landet beim niederdeutschen Wort für „Keil" – gemeint ist die keilförmig ins Land schneidende Förde selbst.

Dass der Kleine Kiel bis heute mit der Förde verbunden ist, schmeckt man: Es ist Brackwasser, eine Mischung aus Salz- und Süßwasser. Doch die Verbindung wurde über die Jahrzehnte immer enger. 1846 schnürte man den Übergang zwischen Bootshafen und Förde zusammen und überspannte ihn mit einer Brücke. 1904 riss man die alte Holstenbrücke ab und schüttete die Wasserverbindung bis auf ein 230 Meter langes Rohr zu. 1982 verschwand schließlich auch die Verbindung zwischen Bootshafen und Förde auf breiter Fläche unter der Erde, bis auf ein 150 Meter langes Rohr. Aus dem offenen Wasserlauf war ein abgeschnittener See in der Stadt geworden.

Während das Wasser zurückgedrängt wurde, wuchs ringsum ein neues, repräsentatives Stadtzentrum empor. Am Kleinen Kiel entstand das Opernhaus, am 1. Oktober 1907 eingeweiht und entworfen vom Berliner Architekten Heinrich Seeling. Gleich daneben erhebt sich das Kieler Rathaus, von 1907 bis 1911 nach dem Siegerentwurf des Karlsruher Architekten Hermann Billing erbaut. Sein 106 Meter hoher Turm ist einem venezianischen Campanile wie dem Markusturm nachempfunden – und überragt dieses Vorbild sogar um mehr als sieben Meter.

Kleiner Kiel
Kleiner Kiel.Sommer, Gotthold, um 1938 · CC BY-SA 3.0 DE · Quelle

Auch am Ufer selbst erzählen die Denkmäler Geschichten. Im Ratsdienergarten, direkt am Kleinen Kiel, steht das Klaus-Groth-Denkmal, 1912 eingeweiht und vom Bildhauer Heinrich Mißfeldt gestaltet: eine überlebensgroße Bronzeplastik des niederdeutschen Dichters Klaus Groth, eingefasst in eine 13,5 Meter breite Brunnenanlage aus Muschelkalk. Das Denkmal hat selbst eine bewegte Geschichte – im Zweiten Weltkrieg wurde die Bronzefigur abgebaut und sollte eingeschmolzen werden. Nach dem Krieg entdeckte man sie auf einem Schrottplatz in Hamburg-Wilhelmsburg; im Juni 1949 wurde sie feierlich an ihrem alten Standort erneut enthüllt.

Am Kleinen Kiel liegt zudem der Hiroshimapark. 1934 als „Bismarckanlagen" angelegt, wurde die Grünfläche auf Beschluss der Kieler Ratsversammlung vom 21. Mai 1987 in Hiroshimapark umbenannt – zur Erinnerung an den Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945. Bis heute findet hier jedes Jahr am 6. August eine Gedenkstunde statt.

Und das Wasser? Es ist zum Teil zurückgekehrt. Mit dem Holstenfleet, 2020 fertiggestellt, entstand dort, wo zuvor eine sechsspurige Straße verlief, wieder eine Reihe offener Wasserbecken – mitten in der Innenstadt.

Wusstest du?
  • See im Stadtzentrum, Rest eines früheren Seitenarms der Förde – mit salzigem Wasser
  • War bis Anfang des 20. Jahrhunderts über einen Kanal mit dem Bootshafen und der Förde verbunden