Levensauer Hochbrücke & Alter Eiderkanal
Frei zugänglich
Wer am Nordwestrand Kiels, zwischen Suchsdorf und Levensau, am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals steht und nach oben schaut, blickt auf das älteste Brückenbauwerk, das den ganzen Kanal überspannt – und auf ein Bauwerk, dessen Existenz ein Kaiser im Vorbeigehen entschied.

Eigentlich war hier gar keine Hochbrücke vorgesehen. Geplant waren eine Drehbrücke und eine Fähre. Doch als Kaiser Wilhelm II. 1891 die Kanalbaustelle besuchte, bestimmte er, dass auch in Levensau eine Hochbrücke entstehen solle. So wurde von 1893 bis 1894 gebaut: Der Grundstein wurde am 21. Juni 1893 gelegt, die feierliche Eröffnung folgte am 3. Dezember 1894 – in Gegenwart des Kaisers selbst.
Das Ergebnis war eine kombinierte Eisenbahn- und Straßenbrücke, die zugleich die Bahnstrecke Kiel–Flensburg und die Chaussee Kiel–Eckernförde über den Kanal führte. Die Konstruktion ruht auf einem schmiedeeisernen Bogen von rund 163 Metern Spannweite – der größten der ursprünglichen Kanalbrücken. In der Mitte hebt sich die Fahrbahn etwa 42 Meter über den Kanal. Den Überbau entwarf der Ingenieur Lauter aus Frankfurt am Main, ausgeführt wurde er von der Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Die architektonische Gestaltung der massiven Türme lag in den Händen des Architekten Hermann Muthesius.

Früher war die Brücke ein kleines Reich für sich. An den Türmen prangten große, aus Sandstein gefertigte Wappenschilde mit dem Kaiseradler. Im Inneren gab es sogar Raum für eine Schänke und einen kleinen Bahnhof. 1954 jedoch wurde die Brücke modernisiert: Die Fahrbahn wurde verbreitert, die Tragfähigkeit deutlich erhöht – und die prächtigen Türme verschwanden. Die alten Sandsteinwappen sind heute auf der Schleuseninsel in Kiel-Holtenau zu sehen.
Den Namen verdankt das Bauwerk der Levensau, einem kleinen Fluss, der bis zum Bau des Eiderkanals in die Kieler Förde mündete. Dieser erste, schmale Kanal zwischen den Meeren wurde 1784 vollendet und folgte teils dem Lauf der Levensau. Rund hundert Jahre später, von 1887 bis 1895, entstand der große Nord-Ostsee-Kanal, der weite Teile des alten Eiderkanals nutzte. Die Brücke steht damit am Schnittpunkt zweier Kanalgeschichten.
Doch das eigentliche Geheimnis der Brücke versteckt sich im Verborgenen. In ihren massiven Widerlagern – den steinernen Brückenfundamenten am Ufer – überwintern Jahr für Jahr viele tausend Fledermäuse. Schon seit den 1970er Jahren ist bekannt, dass sie die Widerlager zum Winterschlaf nutzen. In den 1990er Jahren kamen Forscher auf einen Überwinterungsbestand von rund 5.000 Tieren – damit war die Levensauer Hochbrücke das größte damals bekannte Winterquartier von Großen Abendseglern in Mitteleuropa. Neben ihm wurden Zwerg-, Wasser-, Teich- und Breitflügelfledermaus nachgewiesen. Die Tiere fliegen durch große Gewölbefenster in etwa 16 Metern Höhe in Spalten, die nur zwei bis drei Zentimeter breit, aber über einen Meter tief sind.
Heute steht die historische Brücke vor ihrem Ende: Ein Ersatzneubau ist im Gange, der bis Herbst 2027 fertig sein soll. Damit die Fledermäuse nicht heimatlos werden, bleibt das südliche Widerlager dauerhaft als Winterquartier erhalten, und auch das neue nördliche Widerlager wird als Hohlkörper gebaut – ein eigens geplantes Quartier für die heimlichen Bewohner der ältesten Kanalbrücke.
- Die alte Brücke von 1894 ist das älteste Brückenbauwerk über den Nord-Ostsee-Kanal
- 1893–1894 als kombinierte Eisenbahn-, Straßen- und Fußgängerbrücke erbaut