Tiessenkai
Frei zugänglich; Cafés/Restaurants mit eigener Karte
Es gibt in Kiel diese großen, lauten Hafenbilder – die Fördedampfer, die weißen Kreuzfahrtriesen, die Fähren nach Skandinavien. Und dann gibt es den Tiessenkai. Hier, am Westufer der Förde im maritimen Stadtteil Holtenau, gleich neben den Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals, ticken die Uhren noch ein wenig langsamer. Der Kai entstand bereits 1895, beim Bau des Nord-Ostsee-Kanals, und hat sich seinen ursprünglichen, fast altmodischen Charme bewahrt.

Wer hier entlangschlendert, versteht schnell, warum man von einem Schutz- und Sicherheitshafen spricht: An der alten Pier machen gern historische Frachtsegler und Traditionsschiffe fest, vor allem in den Sommermonaten bis in den Herbst hinein. Dahinter reihen sich kleine, eingeschossige Kontorhäuser und ein ehemaliges Packhaus – die Gebäude am Tiessenkai sind in die Liste der Kulturdenkmale eingetragen, stehen also unter Denkmalschutz.
Seinen Namen verdankt der Kai einem Mann, der Generationen von Seeleuten kannte. 1977 beschloss die Kieler Ratsversammlung, ihn nach dem Schiffsausrüster Hermann Tiessen zu benennen – zuvor hieß er schlicht „Am Kai". Tiessen, geboren 1887, hatte hier 1927 sein Geschäft eröffnet, ausgerechnet in dem Gebäude mit der heutigen Hausnummer 9. Was er führte, war eine Art Tante-Emma-Laden für die Schifffahrt: Er versorgte über Jahrzehnte Kapitäne, Matrosen und Schiffseigner mit allem, was man auf See brauchte. Sein Sohn Günter führte das Familienunternehmen bis ins Jahr 2004 weiter; damit ging eine fast achtzigjährige Schiffsausrüstertradition zu Ende.

Verschwunden ist der Geist des Ladens trotzdem nicht. 2007 eröffnete in den ehemaligen Verkaufsräumen das Schiffercafé, das sich seither zu einem Treffpunkt am Kanal entwickelt hat – ein Ort, an dem alte maritime Tradition weiterlebt. Vom Kai aus schweift der Blick weit hinaus über die Förde.

Geht man vom Café aus nach Westen, läuft der Kai in eine kleine Grünanlage aus – und die hat eine eigene Geschichte: Sie wurde auf einem kleinen Hügel angelegt, der aus Material besteht, das man beim Kanalbau ausgehoben hatte. Auf ihm steht das Wahrzeichen Holtenaus, der Leuchtturm. Kaiser Wilhelm II. weihte den 20 Meter hohen Backsteinturm am 21. Juni 1895 ein, als der Kanal fertiggestellt war; in seinem Fundament ist sogar der 1887 gelegte Grundstein des Kanals eingemauert. Im Inneren erinnert die Drei-Kaiser-Halle bis heute mit Gedenktafeln und Reliefs an Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. Heute geben sich hier vor allem Brautpaare das Ja-Wort.
Gleich daneben steht ein weiterer alter Zeuge: die ehemalige Lotsenwartehalle. Längst ist daraus eine Gaststätte geworden – der „Fördeblick". Von ihrer Außenterrasse aus lässt sich in aller Ruhe das Treiben auf dem Wasser verfolgen: Schiffe, die ein- und auslaufen. Und wer noch ein Stück weiter will, nimmt die kostenlose Kanalfähre „Adler", die Holtenau und die Wik über den Nord-Ostsee-Kanal verbindet.
- Kleiner, nostalgischer Schutzhafen neben den Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals
- Benannt 1977 nach dem Schiffsausrüster Hermann Tiessen (Geschäft hier 1927–2004)