St. Aegidien
Vergessen Sie für einen Moment die wuchtige Marienkirche und den Dom – hier, am östlichen Rand der Altstadt zur Wakenitz hin, steht die heimliche Lieblingskirche vieler Lübecker. St. Aegidien ist die kleinste und zugleich östlichste der fünf großen Altstadtkirchen, und sie war nie das Gotteshaus reicher Fernhändler, sondern das Herz des Handwerkerviertels, das sich an diesem Hang die Gassen hinaufdrängte. Hier wohnten und beteten die Zimmerleute, Schuster und Schmiede, deren Werkstätten den Stadtteil prägten. Geweiht ist die Kirche dem heiligen Ägidius, einem Schutzheiligen, dessen Name in Norddeutschland ungewöhnlich selten klingt – ein Hinweis darauf, dass hier schon sehr früh eine Kirche stand. Erstmals urkundlich fassbar wird St. Aegidien im Jahr 1227, als sie im ältesten Oberstadtbuch der Stadt Lübeck auftaucht; eine hölzerne Vorgängerkirche wird sogar bereits im 12. Jahrhundert vermutet.



Was Sie heute sehen, ist eine Backsteinhallenkirche, deren Bau in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts begann. Der Chor wurde um 1440 vollendet, und über die folgenden Jahrhunderte wuchsen ringsum Kapellen an, die man später unter ein gemeinsames Dach zog – ein langsames Wachsen über Generationen, das man der Kirche bis heute ansieht. Treten Sie ein, und Ihr Blick fällt fast zwangsläufig auf das Glanzstück: den Singechor, eine hölzerne Lettnerbühne von 1586/87, geschaffen im Stil der niederländischen Spätrenaissance. Dieses fein geschnitzte, farbig gefasste Werk trennt den Chor vom Kirchenschiff und gilt als eines der bedeutendsten seiner Art in Norddeutschland – ein verspieltes Wunderwerk aus Holz mit elf erlesenen Tafelbildern, das wie ein kleines Renaissance-Schloss über den Köpfen thront. Werfen Sie auch einen Blick auf die Orgel: Ihr prächtiges Gehäuse stammt schon aus den Jahren 1624 bis 1626.

Lassen Sie den Blick weiterwandern zum mächtigen Barockaltar von 1701, der in Holz die Formensprache des berühmten Fredenhagen-Altars aus St. Marien aufnimmt und vermutlich aus der Lübecker Werkstatt Hassenberg stammt. In dieser vergleichsweise schlichten Handwerkerkirche wirkt seine üppige Pracht umso eindrucksvoller. Dass dieses Ensemble überhaupt erhalten blieb, grenzt an ein Glück: Beim großen Bombenangriff auf Lübeck am Palmsonntag 1942, der Marienkirche, Dom und Petrikirche schwer verwüstete, blieb St. Aegidien weitgehend verschont. So hat die kleine Kirche ihre über Jahrhunderte gewachsene Ausstattung bis heute nahezu unversehrt bewahrt. Übrigens: Obwohl sie das kleinste der fünf Gotteshäuser ist, zählt ihre Gemeinde heute die meisten Mitglieder. Nehmen Sie sich Zeit in diesem stillen Raum – hier spüren Sie das alte Lübeck der Handwerker, fernab des großen Touristentrubels.
- St. Aegidien wird 1227 erstmals urkundlich im ältesten Oberstadtbuch der Stadt Lübeck erwähnt; eine hölzerne Vorgängerkirche wird bereits für das 12. Jahrhundert vermutet.
- Der Bau der heutigen Backsteinhallenkirche begann in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts; der Chor wurde um 1440 vollendet.