Breite Straße
Sie stehen auf der ältesten Hauptverkehrsachse Lübecks. Schon im 12. Jahrhundert, als die Kaufmannsstadt auf dem Altstadthügel zwischen Trave und Wakenitz planmäßig angelegt wurde, gehörte die Breite Straße zu den vier großen Nord-Süd-Straßen, die das gesamte Gerüst der Stadt trugen. 1284 taucht sie erstmals in den Urkunden auf, und zwar unter ihrem lateinischen Namen "Platea lata" – wörtlich die "breite Straße". Der Name war Programm: Hier war Platz für Fuhrwerke, für Märkte, für das Gedränge einer Handelsmetropole, die bald zur Königin der Hanse aufstieg.


Folgen Sie der Straße mit den Augen. Im Norden beginnt sie am Koberg, dem alten Versammlungsplatz, zwischen der Seefahrerkirche St. Jakobi, dem Haus der Kaufmannschaft und dem prächtigen Giebelhaus der Schiffergesellschaft. Diese Bruderschaft wurde am 26. Dezember 1401 als St.-Nikolaus-Bruderschaft gegründet – ein Zusammenschluss zur Hilfe und zum Trost aller, die ihren ehrlichen Unterhalt in der Schifffahrt suchten. 1535 kaufte die Gesellschaft für 940 Mark das Haus gegenüber St. Jakobi und baute es bis 1538 zu jenem Schmuckstück um, dessen historische Halle bis heute erhalten ist. Von hier zieht die Breite Straße südwärts, vorbei an der gewaltigen Marienkirche und dem Kanzleigebäude, hinunter zum Markt mit dem berühmten Rathaus, ehe sie am Kohlmarkt an der Kreuzung mit der Wahmstraße endet.

Achten Sie an der Ecke zur Mengstraße auf den Brunnen "Der Goldene Sod". Der Bildhauer Johannes Michler schuf ihn 1991 genau an der Stelle, wo im Mittelalter ein öffentlicher Ziehbrunnen, ein "Sod", die Bürger mit Wasser versorgte. Hier trafen einst die vier historischen Stadtquartiere zusammen – das Marien-Magdalenen-, das Marien-, das Jakobi- und das Johannis-Quartier. Solche Sodbrunnen gab es zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch acht auf dem Altstadthügel; mit dem Bau der Kanalisation versiegten sie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Straße trägt auch die Narben des 20. Jahrhunderts. In der Nacht zum 29. März 1942 traf der erste schwere Luftangriff auf Lübeck weite Teile der Altstadt; zahlreiche Häuser der Breiten Straße brannten aus. Im nördlichen Abschnitt aber blieb viel von der Vorkriegsbebauung erhalten, sodass sich Mittelalter und Wiederaufbau hier auf engem Raum dicht begegnen.

Heute ist die Breite Straße das pulsierende Herz der Altstadtinsel: das Rückgrat der Fußgängerzone, in dem sich die großen Filialisten und Ketten aneinanderreihen und in dem an Markttagen der Trubel ebenso dicht ist wie zu Zeiten der Hanse. Wer den Boden unter den Füßen spürt, geht buchstäblich auf rund 800 Jahren Lübecker Stadtgeschichte.
- Die Breite Straße wurde 1284 erstmals urkundlich als lateinisch "Platea lata" erwähnt.
- Sie war eine von vier Nord-Süd-Hauptstraßen der planmäßigen Stadtanlage aus dem 12. Jahrhundert.