Geschichte

Engelsgrube

15 MinAltstadt
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Wer hier nach Engeln sucht, sucht vergeblich – und das ist die schönste Pointe dieser Gasse. Die Engelsgrube taucht 1259 erstmals in den Urkunden auf, und zwar mit den lateinischen Namen "Fossa Angelica" und "Platea Anglica": die Englandstraße. Mit himmlischen Wesen hat das nichts zu tun. Der Name verweist auf jenen Teil des Hafens, zu dem die Straße hinunterführte – dorthin, wo die Handelsschiffe anlegten, die im Fernhandel mit England verkehrten. Die Engelsgrube war also eine Adresse des Geldes und der Fracht, eine Lebensader des hansischen Welthandels.

Blick in die Engelsgrube mit St. Jakobi im Hintergrund
Blick in die Engelsgrube mit St. Jakobi im Hintergrund.Johann Noehring, um 1900 · gemeinfrei · Quelle

Erst die plattdeutsche Zunge formte den Namen über die Jahrhunderte um. In den alten Urkunden begegnet er in immer neuen Schreibweisen: 1361 als "Fossa Anglicorum", 1369 als "Engelsche Grove", 1419 wieder lateinisch als "Fossa Anglicana", 1601 schließlich als "Engelische Grouwe". 1852 dann der entscheidende Bruch: Durch eine fälschliche Umdeutung wurde amtlich die heutige "Engelsgrube" daraus. Aus England war sprachlich der Engel geworden. Wer den Namen kennt, liest die Gasse plötzlich anders.

Engelsgrube unter den Strebebögen, Zeichnung
Engelsgrube unter den Strebebögen, Zeichnung.Christian Vilhelm Nielsen , Danish architect and drawing master, 1876 · gemeinfrei · Quelle

Die Engelsgrube liegt im nordwestlichen Teil der Altstadtinsel, im Marien-Magdalenen-Quartier, und zieht sich rund 320 Meter durch das alte Speicher- und Kaufmannsviertel hinab Richtung Hafen. Sie beginnt an der Breiten Straße, gegenüber der Jakobikirche, und fällt sanft zur Trave hin ab. Das leichte Gefälle ist kein Zufall: Es führte einst die Waren vom und zum Wasser. Eng standen hier die Häuser. Allein 1709 zählte man in der Engelsgrube 58 Häuser, dazu 13 Buden und sieben Gänge – jene schmalen Durchgänge zu versteckten Hinterhöfen, die für Lübecks Altstadt so typisch sind.

Giebelhaus Engelsgrube 20
Giebelhaus Engelsgrube 20.Gebrüder Borchers, 1907 · gemeinfrei · Quelle

Ein Detail entlarvt jede Eile: Achten Sie auf die Haustüren. Viele liegen tiefer als das Pflaster, man muss zu ihnen hinabsteigen. Der Grund liegt im Jahr 1907, als man die Straße bei einer Regulierung um bis zu einen halben Meter höher legte. Die Häuser blieben, wo sie waren – das Straßenniveau wuchs ihnen über die Schwelle. Bis heute kämpfen manche dieser Keller und Erdgeschosse deshalb mit der Feuchtigkeit.

Die Engelsgrube heute mit Blick zur Jakobikirche
Die Engelsgrube heute mit Blick zur Jakobikirche.Eduard47, 2018 · CC BY-SA 4.0 · Quelle

Am oberen Ende, an der Ecke zur Breiten Straße, thront der Sitz der Schiffergesellschaft, hervorgegangen aus der 1401 gegründeten St.-Nikolaus-Bruderschaft der Seefahrer. 1535 erwarb die Bruderschaft hier für 940 Lübische Mark ein bereits im 13. Jahrhundert errichtetes Haus und baute es zu ihrem berühmten Giebelhaus um. Bis heute trägt die Stiftung ihren sozialen Auftrag in die Gasse: Im benachbarten Schifferhof, Engelsgrube 1–17, entstanden Wohnungen vor allem für Witwen Lübecker Seeleute. Hinter den schmalen Backsteinfassaden steckt so die ganze Hansestadt im Kleinen – Handel, Seefahrt, Fürsorge.

Wusstest du?
  • Die Engelsgrube wurde 1259 erstmals urkundlich erwähnt – mit den lateinischen Namen "Fossa Angelica" und "Platea Anglica" (Englandstraße), nach dem Fernhandel mit England.
  • Die Straße ist rund 320 Meter lang und liegt im nordwestlichen Teil der Altstadtinsel im Marien-Magdalenen-Quartier; sie beginnt an der Breiten Straße gegenüber der Jakobikirche.