Geschichte

Füchtingshof

20 MinAltstadt
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Hinter einem unscheinbaren Tordurchgang an der Glockengießerstraße, unterhalb der Katharinenkirche, öffnet sich einer der größten und prächtigsten Stiftshöfe Lübecks. Sein Stifter war Johann Füchting, geboren am 16. Juni 1571 im westfälischen Rietberg, gestorben am 24. Mai 1637 in Lübeck. Als Kaufmann hatte er es in der Hansestadt zu Wohlstand und Ansehen gebracht und wurde 1628 in den Rat der Stadt gewählt. In seinem Testament von 1636 verfügte er, dass ein erheblicher Teil seines Vermögens den Armen zugutekommen solle. Daraus entstand die Stiftung Johann Füchting Testament, die bis heute als eigenständige Einrichtung besteht und den denkmalgeschützten Hof bewohnt erhält. Bedürftige Frauen wohnen hier noch immer zu Mieten weit unter dem üblichen Niveau.

Blick durch den Torbogen in den Füchtingshof, historische Ansichtskarte
Blick durch den Torbogen in den Füchtingshof, historische Ansichtskarte.H. F. C. Voss, Lübeck, um 1900 · gemeinfrei · Quelle
Füchtingshof an der Glockengießerstraße, historische Aufnahme
Füchtingshof an der Glockengießerstraße, historische Aufnahme.Johann Noehring, 1910 · gemeinfrei · Quelle

Mit dem ererbten Geld erwarben die Testamentsvollstrecker Grundstücke an der Glockengießerstraße 23 bis 27. Hier ließ der Lübecker Stadtbaumeister Andreas Jäger 1639 die frühbarocke Wohnanlage errichten – für rund 35.000 Mark Lübsch. Es entstanden 20 Wohnungen, gedacht für die Witwen von Kaufleuten und Schiffern. Die Frauen erhielten freies Wohnrecht auf Lebenszeit, dazu vierteljährlich ein Stipendium von 10 bis 15 Mark Lübsch, ausgezahlt von den Vorstehern der Stiftung. Förmlich seiner Bestimmung übergeben wurde der Hof im Jahr 1648.

Innenhof des Füchtingshofs mit Wohnzeile
Innenhof des Füchtingshofs mit Wohnzeile.Sigurd Curman, 1907 · gemeinfrei · Quelle

Schon der Zugang macht den Anspruch der Stiftung sichtbar: Ein außergewöhnlich repräsentatives Sandsteinportal trägt eine kunstvoll gestaltete Stiftungsinschrift, deren Kalligrafie auf den Lübecker Rechenmeister und Kalligrafen Arnold Möller zurückgeht. Wer durch den Gang tritt, lässt den Lärm der Gasse hinter sich und steht in einem schmalen, von schlichten Backsteinhäusern gesäumten Hof – eine grüne, stille Oase mitten in der Altstadt. Solche sozialen Wohnstiftungen waren in den Handelsstädten der frühen Neuzeit Ausdruck bürgerlicher Frömmigkeit; ein berühmtes Vorbild war die Fuggerei im fernen Augsburg.

Hofzeile des Füchtingshofs, historische Ansichtskarte
Hofzeile des Füchtingshofs, historische Ansichtskarte.Knackstedt & Näther, Hamburg, um 1900 · gemeinfrei · Quelle

Das eigentliche Herzstück liegt im Obergeschoss eines herausgehobenen Gebäudes: das Vorsteherzimmer, der Versammlungsraum der Stiftungsverwaltung. Seine heutige Ausstattung erhielt der Raum im Jahr 1653, und Kenner zählen ihn zu den schönsten erhaltenen Innenräumen des 17. Jahrhunderts in Lübeck. An den Wänden hängen unter anderem die Bildnisse Johann Füchtings und seiner Frau. Öffentlich zugänglich ist dieser Raum allerdings nicht.

Innenhof des Füchtingshofs
Innenhof des Füchtingshofs.Willy Pragher, 1954 · CC BY 4.0 · Quelle

Der Füchtingshof gehört zum UNESCO-Welterbe der Lübecker Altstadt und ist bis heute bewohnt. Seine stille Atmosphäre machte ihn auch zur Filmkulisse: F. W. Murnau nutzte den Hof für die Lübecker Außenaufnahmen seines Stummfilm-Klassikers „Nosferatu" (1922). So verbindet dieser Hof auf wenigen Quadratmetern hansische Kaufmannsfrömmigkeit, frühbarocke Baukunst und ein Stück Filmgeschichte – und erzählt zugleich, wie eine reiche Handelsstadt für ihre Schwächsten sorgte.

Wusstest du?
  • Johann Füchting lebte vom 16. Juni 1571 (Rietberg) bis zum 24. Mai 1637 und wurde 1628 in den Lübecker Rat gewählt.
  • In seinem Testament von 1636 bestimmte Füchting einen großen Teil seines Vermögens für die Armen; daraus entstand die Stiftung Johann Füchting Testament.