Geschichte

Glockengießerstraße – Gänge und Höfe

20 MinAltstadt
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Glockengießer – die Männer, die hier im Mittelalter Glocken gossen – gaben dieser Straße ihren Namen. Schon 1258 taucht sie in den Quellen als „Platea campanariorum" auf, als eine der Straßen, die sich vom Rücken der Altstadtinsel nach Osten zur Wakenitz hinabziehen. Wer heute hier entlanggeht, ahnt zunächst nichts von dem, was sich hinter den schlichten Backsteinfassaden verbirgt. Denn die Glockengießerstraße ist eine der Hauptadern jenes einzigartigen Lübecker Systems aus Gängen und Höfen, das zum Charakter der Welterbe-Altstadt gehört.

Storms Gang – enger Wohngang an der Glockengießerstraße
Storms Gang – enger Wohngang an der Glockengießerstraße.Johann Noehring, 1911 · gemeinfrei · Quelle
Glandorps Hof, Stiftshof an der Glockengießerstraße
Glandorps Hof, Stiftshof an der Glockengießerstraße.unb., 1902 · gemeinfrei · Quelle

Hinter unscheinbaren Toren öffnen sich ganze Welten. Der prächtigste ist der Füchtingshof. Der wohlhabende Kaufmann und Ratsherr Johann Füchting, 1571 im westfälischen Rietberg geboren, bestimmte in seinem Testament von 1636 die Gründung einer Stiftung für bedürftige Witwen. Er selbst erlebte die Vollendung nicht mehr; 1637 starb er, und 1639 wurde der Hof seiner Bestimmung übergeben. Aufgenommen wurden Witwen von Kaufleuten und Schiffern, von letzteren höchstens vier. Bis heute beeindruckt das Vorsteherzimmer mit seiner kostbaren Vertäfelung und einem Prunkofen von 1653.

Füchtingshof an der Glockengießerstraße
Füchtingshof an der Glockengießerstraße.Johann Noehring, 1910 · gemeinfrei · Quelle
Glockengießerstraße 37 – Schulgebäude
Glockengießerstraße 37 – Schulgebäude.Gebrüder Borchers, 1907 · gemeinfrei · Quelle

Nur wenige Schritte weiter liegen Glandorps Gang und Glandorps Hof. Der Kaufmann und Ratsherr Johann Glandorp (1558–1612) ließ die Anlage errichten; über dem Durchgang des Hauptgebäudes erinnert bis heute eine reich verzierte Kupfertafel mit der Stiftungsinschrift von 1612 an ihn. Im angrenzenden Gang reihen sich 13 winzige Gangbuden aneinander, in denen verarmte Witwen auf gerade einmal 16 Quadratmetern lebten – ein Maß, das die ganze Enge und zugleich die Fürsorge dieser hanseatischen Sozialwelt fassbar macht.

Innenhof des Glandorpshofs
Innenhof des Glandorpshofs.Concord, 2011 · CC BY-SA 3.0 · Quelle

Doch das ist nicht alles. Beim Haus Nummer 8 liegt das Wickede-Stift, schon 1397 als Armenhaus gegründet, 1783 neu errichtet und seit 1974 Studentenwohnheim. Und bei Nummer 21 steht das Günter-Grass-Haus, gewidmet dem Literaturnobelpreisträger, der zeitlebens mit Lübeck verbunden blieb. So verdichtet sich auf wenigen hundert Metern ein ganzes Geschichtsbuch: Handwerk, Kaufmannsstolz, christliche Mildtätigkeit und Weltliteratur, eines neben dem anderen, hinter Toren, die man leicht übersieht. Treten Sie ein – wo es offensteht – und Sie betreten einen der stillsten und schönsten Winkel der Lübecker Altstadt.

Wusstest du?
  • Die Glockengießerstraße wird bereits 1258 urkundlich als lateinisch "Platea campanariorum" erwähnt und ist nach den hier im Mittelalter ansässigen Glockengießern benannt.
  • Der Füchtingshof geht auf das Testament des Ratsherrn Johann Füchting (1571–1637) von 1636 zurück und wurde 1639 seiner Bestimmung übergeben.