Gründungsviertel
Wer hier zwischen Alfstraße, Braunstraße, Fischstraße und Mengstraße steht, blickt auf die Keimzelle Lübecks. In diesem Quartier westlich der Marienkirche, hinab zum Uferbereich der Trave, ließen sich im 12. Jahrhundert die ersten Fernkaufleute der jungen Handelsstadt nieder. Hier schlug das Herz der späteren Hanse: dichte Reihen giebelständiger Häuser, schmale, tiefe Parzellen und darunter ausgedehnte Keller, in denen Waren aus dem ganzen Ostseeraum lagerten. Es war das Viertel der wohlhabenden Patrizier, die Lübecks Reichtum mit begründeten, und einer der ältesten besiedelten Flecken der ganzen Stadt.

Dann kam der 29. März 1942, Palmsonntag. Ein britischer Luftangriff legte weite Teile der Altstadt in Schutt und Asche, und gerade dieses alte Kaufmannsviertel westlich der Marienkirche traf es schwer – zahlreiche jahrhundertealte Bürgerhäuser wurden zerstört. Statt die feingliedrige Struktur wiederherzustellen, errichtete man von 1955 bis 1961 zwei große berufsbildende Schulen samt Parkplatz. Aus dem kleinteiligen Wohn- und Handelsquartier wurde ein nüchterner Zweckbau-Bereich, der mit dem historischen Stadtbild brach und das alte Straßennetz überdeckte.
Erst Jahrzehnte später besann sich die Stadt auf das Verlorene. 2009 begann der Abriss der Schulen – und legte den Boden frei für das bis dahin größte archäologische Projekt der Hansestadt. Bis 2015 gruben Forscher für rund neun Millionen Euro auf etwa 9.000 Quadratmetern und stießen auf mehr als 40 hölzerne Keller in Schwellen-Ständer-Bauweise, vermutlich die frühesten Lagerhäuser der Stadt, sowie auf Spuren einer Bebauung schon um 1180. Sie bargen Schmuck, Münzen, Hausrat und Bruchstücke der ersten Lübecker Backsteinbauten. Unter dem Asphalt lag die mittelalterliche Stadt fast unberührt verborgen – ein Glücksfall für die Archäologie.

Aus diesen Erkenntnissen wuchs ein außergewöhnlicher Plan: die Rückkehr zum Wohnquartier auf der historischen Parzelle, eine bewusste „Stadtreparatur". Mit Unterstützung der UNESCO, die Lübecks Altstadt als Welterbe schützt, wurde das Areal in 38 unterschiedlich große Grundstücke aufgeteilt – ganz nach dem mittelalterlichen Zuschnitt. Über 130 Architekturbüros aus ganz Europa beteiligten sich am europaweit ausgeschriebenen Ideenwettbewerb, aus dem mehrere Preise und Anerkennungen hervorgingen. Keine Kopie alter Fassaden entstand, sondern eine „kritische Rekonstruktion": giebelständige Stadthäuser in zeitgemäßer Architektur, die Baufluchten, Maßstab und die alte Mischung von Wohnen und Arbeiten wieder aufnehmen. Geplant sind bis zu 170 Wohnungen auf einer Geschossfläche von rund 22.000 Quadratmetern, im Erdgeschoss vielfach Läden und Büros. 2018 wurde mit der Alfstraße 27 das erste neue Haus fertiggestellt; Haus um Haus füllt seither die alten Parzellen. So entsteht hier kein Museum, sondern ein bewohntes Stück Stadtgeschichte – einzigartig in Deutschland.
- Das rund 10.000 Quadratmeter große Gründungsviertel liegt zwischen der Marienkirche und dem Traveufer und wird von Alfstraße, Braunstraße, Fischstraße und Mengstraße durchzogen.
- Beim Luftangriff am Palmsonntag, dem 29. März 1942, wurde das alte Kaufmannsviertel schwer zerstört.