Lübeck Hauptbahnhof
Bevor man die mittelalterliche Altstadt mit ihren sieben Türmen betritt, empfängt einen ein Bauwerk, das von einem ganz anderen Stolz erzählt: dem Selbstbewusstsein der Hansestadt am Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Lübecker Hauptbahnhof wurde von der privaten Lübeck-Büchener Eisenbahn errichtet, jener Gesellschaft, die mit ihren schnellen Zügen Lübeck und Hamburg verband. Am 1. Mai 1908 wurde er feierlich eröffnet – ein Tor zur Stadt, das nicht bescheiden, sondern repräsentativ sein wollte.

Entworfen hat ihn der Architekt Fritz Klingholz. Statt nüchterner Zweckmäßigkeit wählte er die Sprache des reichen Backsteins, sparsam mit Sandstein verblendet, und griff in der Formensprache auf die humanistische Baukunst des 16. und 17. Jahrhunderts zurück. So fügt sich der Bahnhof in das Bild einer Stadt ein, deren Reichtum seit Jahrhunderten in gebranntem Ton gemauert wird. Den plastischen Schmuck schuf der Berliner Bildhauer Friedrich Volke. Über der einstigen Schalterhalle thronte sogar eine große Uhr, gekrönt von einer strahlenden Sonne und flankiert von Figuren für Tag und Nacht – ein Stück Schmuck, das die Zeit allerdings nicht überdauert hat.

Das technische Herzstück ist die weite Bahnsteighalle: vierschiffig, rund 130 Meter lang und in kühner Stahlkonstruktion über die Gleise gespannt. Lübecks Hauptbahnhof ist ein sogenannter Reiterbahnhof – das bedeutet, ein erhöhter Personensteg führt quer über alle zehn Gleise hinweg, von dem aus die Reisenden zu den vier Bahnsteigen hinabsteigen. Wer hier ankommt, blickt von oben auf das geordnete Gewirr der Schienen, das Lübeck mit Hamburg, Kiel, Travemünde und der weiten Welt verbindet.

Der heutige Bau hatte einen Vorgänger: Schon 1851 war auf der Wallhalbinsel beim Holstentor der erste Lübecker Bahnhof entstanden – ein Kopfbahnhof, den die Züge noch direkt über eine Hauptstraße verließen. Doch das junge Eisenbahnzeitalter wuchs rasch über ihn hinaus, und 1934 wurde der alte Bahnhof im Zuge der Umgestaltung des Holstentorplatzes abgerissen. Der Klingholz-Bau aber blieb und wurde 1992 als Kulturdenkmal in die Denkmalliste der Hansestadt aufgenommen.

Über die Jahrzehnte hatte der Zahn der Zeit am Prachtbau genagt. Zwischen 2003 und 2007 wurde der Bahnhof daher umfassend und denkmalgerecht erneuert; originale Bauteile wurden, wo möglich, aufgearbeitet und wieder eingesetzt. Kurz darauf, zum 14. Dezember 2008, nahmen hier die ersten planmäßigen elektrischen Züge ihren Betrieb auf.

Heute strömen rund 34.000 Reisende und Besucher täglich durch die Halle – das macht den Lübecker Hauptbahnhof zu einem der meistfrequentierten Bahnhöfe Schleswig-Holsteins. Bevor man also durch das Holstentor in die Marzipanstadt eintaucht, lohnt ein Blick zurück auf diesen mächtigen Backsteinbau: ein Denkmal jener Zeit, in der die Eisenbahn die Welt zusammenrücken ließ.
- Der Bahnhof wurde am 1. Mai 1908 von der privaten Lübeck-Büchener Eisenbahn (LBE) eröffnet und vom Architekten Fritz Klingholz entworfen.
- Die vierschiffige Bahnsteighalle ist rund 130 Meter lang und überspannt als Reiterbahnhof zehn Gleise mit vier Bahnsteigen.