Kanzleigebäude
Schmal, lang und unscheinbar schmiegt sich dieser Backsteinriegel nördlich an das berühmte Lübecker Rathaus. Doch unterschätzen Sie ihn nicht: Hinter dieser nüchternen Fassade schlug das bürokratische Herz der Hansestadt. Wo eine Stadt mit Geld, Recht und Fernhandel regiert, braucht sie Schreiber, Siegel und Akten – und genau dafür entstand hier die „Schriverie", wie das Kanzleigebäude im Mittelalter hieß.

Nach fünfjähriger Bauphase wurde es 1485 im gotischen Stil vollendet, unmittelbar nördlich an das Rathaus angeschlossen. An seiner Westseite zieht sich ein rund fünfzig Meter langer Arkaden-Gang entlang des Chors der Marienkirche bis zur Nordseite des Rathauses – ein ungewöhnlich gestreckter Baukörper, eher ein steinerner Aktenschrank als ein Prachtbau. Und das war Absicht: Hier saßen die städtischen Notare und Ratsschreiber, die Tag für Tag die Geschäfte des Rates beurkundeten und besiegelten.

Werfen Sie den Blick nach oben. Was Sie heute sehen, wuchs in Etappen. In den Jahren 1588 und 1614 erweiterte man das Gebäude im Stil der Backsteinrenaissance bis zur Mengstraße hin. So treffen an dieser Wand zwei Bau-Epochen aufeinander – mittelalterliche Gotik und die selbstbewusstere, verspieltere Formensprache der Renaissance. Ein Lehrbuch in Backstein, direkt vor Ihren Augen.

Das eigentliche Schatzstück lag im Inneren: Von 1277 bis 1863 führten die Schreiber hier das Niederstadtbuch, das amtliche Register über Grundstücke, Kaufverträge und Schulden. Über fast sechshundert Jahre hinweg notierten Generationen von Beamten, wem in Lübeck was gehörte. Heute ist dieses Buch eine der bedeutsamsten Quellen der Lübecker Stadtgeschichte – und ein einzigartiges Zeugnis dafür, wie penibel die Hanse ihre Geschäfte dokumentierte. Später beherbergte der Bau das Pass- und Stempelamt, die Registratur mit dem Staatsarchiv und sogar das Amtszimmer der Bierprobe; eine Zeit lang diente es auch als Polizeigebäude.

In den bis 1818 offenen Arkaden des Untergeschosses reihten sich einst Buden, in denen Kürschner und Schuhmacher ihre Geschäfte und Werkstätten betrieben – Handwerk und Verwaltung Wand an Wand. 2005 wurde das Gebäude nach Plänen des Lübecker Architekten Klaus Mai im Auftrag der städtischen Gesellschaft KWL behutsam saniert und neu genutzt, ohne die historische Bausubstanz zu opfern. Zeitweise residierten hier die Touristeninformation und das Presseamt der Hansestadt; heute beherbergt es Läden, Büros und ein Café.

Bleiben Sie einen Moment stehen und stellen Sie sich das Kratzen der Federkiele vor, das Schmelzen des Siegelwachses, das leise Murmeln der Notare. Was hier verwaltet, geschrieben und gesiegelt wurde, hielt das weitverzweigte Handelsimperium der Königin der Hanse zusammen – Eintrag für Eintrag.
- Das Kanzleigebäude – im Mittelalter „Schriverie" genannt – wurde 1485 nach fünfjähriger Bauphase im gotischen Stil errichtet, unmittelbar nördlich an das Lübecker Rathaus angeschlossen.
- An der Westseite zieht sich ein rund 50 Meter langer Arkaden-Gang entlang des Chors der Marienkirche bis zur Nordseite des Rathauses.