Königstraße
Zwei große Achsen gliedern den Altstadthügel von Lübeck in strenger Nord-Süd-Richtung: die Breite Straße – und parallel dazu, von Ihnen aus gesehen ein Stück östlich, die Königstraße. Sie läuft vom Koberg in der Verlängerung der Großen Burgstraße schnurgerade hinab und mündet schließlich in die Mühlenstraße. Wer hier entlanggeht, durchschreitet die zweite Hauptstraße einer Stadt, deren rechtwinkliges Straßennetz noch ein Überbleibsel der Stadtplanung des 12. Jahrhunderts ist – jener Zeit, in der Heinrich der Löwe Lübeck zur Kaufmannsstadt formte.

Der Name trügt ein wenig: Er erinnert nicht an eine alte Königsstraße im Sinne einer Via Regia, sondern entstand erst im frühen 14. Jahrhundert. Ab 1307 hieß zunächst nur der Abschnitt zwischen Aegidienstraße und Wahmstraße so; bis 1325 wuchs die Bezeichnung in mehreren Einzelschritten auf den gesamten heutigen Straßenzug. Der Historiker Ahasver von Brandt führte den Namen auf den dänischen König Erik VI. Menved zurück, der 1307 als Schirmvogt den Schutz der Stadt übernahm – ein König als Pate, nicht als Bauherr.

Schauen Sie an die Häuser: Hier reiht sich Baustil an Baustil. Beim nördlichen Beginn, nahe Heiligen-Geist-Hospital und Jakobikirche, formt ein geschlossenes klassizistisches Ensemble einen der vornehmsten Straßenräume der Stadt. Sein Mittelpunkt ist das Museum Behnhaus-Drägerhaus in den Nummern 9 und 11 – zwei bürgerliche Stadtpalais des 18. Jahrhunderts, die heute Lübecks Sammlung der Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeigen, von der Romantik mit Caspar David Friedrich bis zur Klassischen Moderne mit Edvard Munch. Die Gemälde hängen in originalgetreuen Wohnräumen des 19. Jahrhunderts – bürgerliche Sammelkultur und Wohnkultur greifen hier sichtbar ineinander.
Wenige Schritte weiter, bei Nummer 21, steht das Willy-Brandt-Haus, 2007 eröffnet als Lübecker Außenstelle der in Berlin ansässigen Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung. Das Gebäude trägt eine ältere Geschichte: Es war das Haus der Zirkelgesellschaft, einer 1379 gegründeten Bruderschaft von Fernhandelskaufleuten; seine bis heute erhaltene Fassade stammt aus dem Jahr 1770. So liegen hier Hansehandel und Bundespolitik Wand an Wand. Auch eine Evangelisch-Reformierte Kirche fügt sich ein – ihr Bau entstand 1824 bis 1826 aus dem Umbau eines barocken Stadtpalais.

Die Königstraße blieb keine Kulisse, sie lebt. Wo bis zum Abriss ab 2006 das nach dem Kaufmann Haerder benannte Kaufhaus stand, wurde am 30. Oktober 2008 das Haerder-Center mit über zehntausend Quadratmetern Einzelhandelsfläche eröffnet – die Straße ist bis heute zweite Einkaufs- und zugleich Kulturmeile der Altstadt. Patrizierhäuser, Museen, Kirchen und Geschäfte auf einer Linie: Die Königstraße erzählt Lübeck im Längsschnitt.
- Die Straße trägt ihren Namen erst seit dem frühen 14. Jahrhundert: ab 1307 zunächst nur der Abschnitt zwischen Aegidienstraße und Wahmstraße, bis 1325 in mehreren Schritten auf den gesamten Straßenzug ausgedehnt.
- Der Historiker Ahasver von Brandt führte den Namen auf den dänischen König Erik VI. Menved zurück, der 1307 als Schirmvogt den Schutz Lübecks übernahm.