Geschichte

Mengstraße

20 MinAltstadt
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Stellen Sie sich vor, hier rollten einst Fässer, Ballen und Truhen das Pflaster hinab zum Hafen. Die Mengstraße ist eine der historischen "Rippenstraßen", die in Lübecks mittelalterlicher Stadtplanung vom hochgelegenen Stadtzentrum schnurgerade hinunter zur Trave führen. Genau das machte sie zur idealen Kaufmannsstraße: Oben thronten Rathaus und Marienkirche, unten lagen die Schiffe am Hafen, und dazwischen wohnten und handelten die reichen Fernhändler der Hanse.

Das Buddenbrookhaus in der Mengstraße, Blick in die Straße
Das Buddenbrookhaus in der Mengstraße, Blick in die Straße.-- H.-P.Haack, Leipzig 09:34, 18. Feb. 2008 (CET), um 1870 · gemeinfrei · Quelle
Fassade des Buddenbrookhauses, Mengstraße 4
Fassade des Buddenbrookhauses, Mengstraße 4.Unknown author Unknown author, um 1870 · gemeinfrei · Quelle

Schon der Name verrät den Charakter dieses Viertels. Erstmals 1259 als "Mengestrate" erwähnt, leitet er sich vom niederdeutschen "Menger" ab, dem Händler oder Krämer; das Wort steckt bis heute in Berufsnamen wie Eisenmenger oder Fleischmenger. Wer hier ein Giebelhaus besaß, gehörte zur Oberschicht der Stadt. Die schmalen, hoch aufragenden Backsteinfassaden mit ihren gestuften Treppengiebeln waren zugleich Wohnhaus, Kontor und Lager. Hinter den prächtigen Schauseiten verbargen sich tiefe Dielen, in denen Waren bis unters Dach gestapelt wurden.

Mengstraße 33–35 mit den Türmen der Marienkirche
Mengstraße 33–35 mit den Türmen der Marienkirche.Unknown author Unknown author, vor 1890 · gemeinfrei · Quelle

Weltberühmt wurde die Straße jedoch durch ein Buch. In der Mengstraße 4 steht das Buddenbrookhaus, 1758 vom Kaufmann Johann Michael Croll errichtet, der sein Vermögen im Russlandhandel und in der Zuckerherstellung gemacht hatte; über dem Portal prangen bis heute die Jahreszahl und der Wahlspruch "Dominus providebit". 1842 erwarb es Johann Siegmund Mann, der Großvater der Schriftsteller Heinrich und Thomas Mann, und bis 1891 blieb es im Besitz der Familie. Dieses Großeltern-Haus diente Thomas Mann als Vorbild für "das Haus in der Mengstraße" in seinem 1901 erschienenen Roman "Buddenbrooks", für den er später den Nobelpreis erhielt. Kaum eine Straße trägt so viel Literaturgeschichte in ihrem Pflaster.

Diele des Schabbelhauses, Mengstraße 36
Diele des Schabbelhauses, Mengstraße 36.Unknown author Unknown author, vor 1944 · gemeinfrei · Quelle

Doch das Idyll trügt fast. In der Nacht zum Palmsonntag, dem 29. März 1942, traf ein britischer Luftangriff genau dieses Viertel mit voller Wucht; rund ein Fünftel der historischen Altstadt wurde damals zerstört. Vom Buddenbrookhaus blieben nur die barocke Fassade und der Gewölbekeller stehen, dahinter brannte alles aus. Wie durch ein Wunder hat sich im unteren Teil der Mengstraße dennoch ein geschlossenes Ensemble alter Giebelhäuser zu beiden Seiten erhalten, das Sie noch heute als lebendiges Schaufenster der Hansezeit erleben.

Treppenhalle im Schabbelhaus, Gemälde von Wilhelm Beckmann
Treppenhalle im Schabbelhaus, Gemälde von Wilhelm Beckmann.Wilhelm Beckmann, um 1910/1920 · gemeinfrei · Quelle

Achten Sie beim Blick die Straße hinab auf die Vielfalt: Gotische und barocke Fassaden stehen Schulter an Schulter, manche schmal und steil, andere breit und repräsentativ. In der Hausnummer 50 etwa liegt das Schabbelhaus, ein patrizisches Kaufmannshaus. Eine Besonderheit macht die Straße einzigartig: In ihr lebten Vorfahren gleich zweier Nobelpreisträger, denn auch ein Vorfahr von Friedensnobelpreisträger Willy Brandt ist hier verwurzelt. Wenige Meter Pflaster, dichter gepackt mit Geschichte geht es in Lübeck kaum.

Wusstest du?
  • Die Mengstraße wurde 1259 erstmals als "Mengestrate" urkundlich erwähnt; der Name leitet sich vom niederdeutschen "Menger" (Händler) ab.
  • Das Buddenbrookhaus in der Mengstraße 4 wurde 1758 vom Kaufmann Johann Michael Croll errichtet.