Lübecker Rathaus
Wer auf dem Markt steht und an der dunklen, fast schwarz schimmernden Wand emporschaut, blickt auf ein Stück gebauten Stolz: Das Lübecker Rathaus zählt zu den größten und ältesten noch immer genutzten mittelalterlichen Rathäusern Deutschlands. Seine Anfänge reichen bis um 1230/1240 zurück; über die Jahrhunderte wuchs es Stück für Stück zu dem verschachtelten Ensemble aus Backsteingotik und Renaissance, das heute den Marktplatz umfasst.

Das auffälligste Detail sind die großen runden Löcher in den hohen Schauwänden. Sie sind kein Schmuck und kein Taubenschlag, sondern handfeste Statik: Die Mauern ragen weit über die eigentlichen Dächer hinaus, um den Bau größer und mächtiger wirken zu lassen – und damit der Wind diese freistehenden Wände nicht eindrückt, ließ man ihn durch die Öffnungen einfach hindurchpfeifen. Die dunkel glasierten Ziegel und die Farben Schwarz-Weiß sind ebenfalls Programm: Sie verweisen auf den Reichsadler, denn Lübeck war Freie Reichsstadt und Haupt der Hanse.

Um 1435 gab Ratsbaumeister Peck der Schildwand mit ihren drei schlanken Türmen die bis heute vertraute Form. In der Renaissance kamen die schmuckvolle Laube (1570–1572) und die feine Freitreppe hinzu, die Robert Coppens 1594 schuf. Im Inneren verbergen sich prächtige Säle: der Audienzsaal mit einem Renaissanceportal von 1574, das das „Urteil Salomons" zeigt, und einst die Kriegsstube mit ihrer kostbaren Holzvertäfelung – sie wurde beim Luftangriff 1942 zerstört.

Hier wurde Geschichte gemacht. Vom 14. bis ins frühe 19. Jahrhundert tagte im Hansesaal zeitweise der Städtebund, der den Handel im halben Europa bestimmte. Ratsherren in dunklen Roben gingen hier ein und aus, Urteile wurden gesprochen, Bündnisse geschlossen.

Und das Rathaus ist kein Museum: Bis heute haben hier der Bürgermeister und die Bürgerschaft ihren Sitz, im Ratskeller speist man unter alten Gewölben. So verbindet kaum ein anderer Bau in Lübeck so selbstverständlich acht Jahrhunderte – wer über den Markt geht, läuft mitten durch die Machtzentrale der alten Hansestadt.
- Die Anfänge reichen bis um 1230/1240 zurück; es zählt zu den größten und ältesten noch genutzten Rathäusern Deutschlands.
- Die runden Windlöcher in den Schauwänden verringern den Winddruck auf das weit überhöhte, freistehende Mauerwerk.