Salzspeicher Lübeck
Sechs wuchtige Backsteinhäuser stehen hier dicht an dicht an der Obertrave, direkt neben dem Holstentor, und kehren der Stadt ihre fensterarmen Giebel zu. Es sind die Salzspeicher, errichtet zwischen 1579 und 1745 im Stil der Backsteinrenaissance und des Backsteinbarock. Ihre treppenförmigen Volutengiebel und das warme Rot der Ziegel spiegeln sich im Wasser des Flusses, der einst die Lebensader des Hansehandels war. Vom Wasser aus wurden die Waren angeliefert, denn die Trave brachte die Handelsschiffe bis vor die Tore der Speicher.


Hier lagerte das "weiße Gold" des Mittelalters: Salz. Über die Alte Salzstraße und später über den Stecknitz-Kanal kam es aus Lüneburg nach Lübeck, dazu Salz aus der Saline Oldesloe, das auf der Trave herangeschifft wurde. Warum war ausgerechnet Salz so kostbar? Weil es das einzige Mittel war, um Fisch über lange Zeit haltbar zu machen. Der in Norwegen und Schonen gefangene Hering wurde mit Lübecker Salz gepökelt und als Fastenspeise bis tief ins Binnenland verkauft. Salz machte die Hanse reich, und diese Speicher direkt am Wasser waren ihre Schatzkammern. Ein Speicher unmittelbar am Holstentor blieb sogar noch bis 1839 im Eigentum der Saline Oldesloe.

Wer genau hinschaut, erkennt das hohe Alter der einzelnen Bauten: Die ältesten entstanden 1579, 1594 und 1599, ein weiterer kurz nach 1600, die jüngsten erst 1743 bis 1745. Über Jahrhunderte stapelten sich hinter diesen Mauern Säcke und Fässer; das Salz wurde mit Seilwinden in die hohen Dachböden gehievt. Seit 1942 beherbergen die Gebäude ein Textilkaufhaus, doch die Fassaden blieben unverändert und stehen als Kulturdenkmal unter Schutz.

Den wahren Weltruhm aber verdanken die Salzspeicher nicht dem Salz, sondern einem Vampir. 1922 drehte Friedrich Wilhelm Murnau hier Teile seines Stummfilms "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens". Die düsteren Backsteinhäuser spielten das Haus, das der Vampir Graf Orlok in der fiktiven Ostseestadt Wisborg bezieht. Eine der berühmtesten Einstellungen der Filmgeschichte – der bleiche Nosferatu, der am Fenster erscheint – entstand genau hier. 1979 kehrte das Grauen zurück, als Werner Herzog seinen "Nosferatu – Phantom der Nacht" ebenfalls an diesen Mauern drehte.

Seit dem 30. April 2023, der Walpurgisnacht, leuchtet zur Erinnerung an Murnaus Klassiker ganzjährig bei Einbruch der Dunkelheit ein Nosferatu-Fenster an der Fassade. Ursprünglich nur als Hommage zum hundertjährigen Filmjubiläum gedacht, blieb es auf Wunsch der Lübecker dauerhaft. So bewachen die alten Salzspeicher noch heute zweierlei: die Erinnerung an den Reichtum der Hanse und den Schatten eines unsterblichen Filmmonsters.
- Die sechs Speicher wurden zwischen 1579 und 1745 erbaut, im Stil der Backsteinrenaissance und des Backsteinbarock.
- Hier lagerte das Salz aus Lüneburg, das über die Alte Salzstraße und später den Stecknitz-Kanal nach Lübeck kam und den Heringshandel der Hanse ermöglichte.