Schabbelhaus
Wer in der Mengstraße vor diesem Doppelhaus steht, blickt auf eine der schönsten Kaufmannsfassaden Lübecks – und auf eine Geschichte voller Brüche und Neuanfänge. Schon seit etwa 1350 lebten und arbeiteten in den Häusern Mengstraße 48 und 50 Lübecker Kaufleute, unter ihnen auch der Vater Thomas Manns. Hier schlug das Herz des hansischen Fernhandels: Im Erdgeschoss wurden Geschäfte gemacht, in den hohen Dielen Waren gelagert, in den Obergeschossen wohnte die Familie. Eine Aufzugswinde an der Fassade erinnert noch heute daran, dass die oberen Böden als Speicher dienten.

Den Namen aber gab dem Haus ein Mann, der gar kein Patrizier war. Der Bäcker und Konditor Heinrich Schabbel, geboren am 24. Juli 1861, vererbte der Stadt 125.000 Goldmark. Sein Wunsch: ein Museum, das die Wohnkultur Lübecker Bürgerhäuser bewahren sollte. Nach Schabbels Tod am 12. Dezember 1904 erwarb die Stadt ein gut erhaltenes Kaufmannshaus in der Mengstraße 36. Im September 1908 öffnete dort das Schabbelhaus-Museum seine Türen – ein Schaufenster vergangener Wohnwelten vom späten 17. bis ins 19. Jahrhundert.

Doch das Glück währte nicht. Am Palmsonntag 1942 fielen britische Brandbomben auf die Lübecker Altstadt – das ursprüngliche Schabbelhaus in der Mengstraße 36 brannte aus und wurde nicht wieder aufgebaut. Die Sammlung und die Weinstube verlegte man daraufhin in das benachbarte Doppelhaus Mengstraße 48 und 50, das bei den Bomben weniger schwer getroffen worden war.

Gerettet wurde die Idee also an anderer Stelle. 1954 führte die Kaufmannschaft zu Lübeck, ein traditionsreicher Zusammenschluss Lübecker Kaufleute, die aufwändige Sanierung der verbundenen Häuser Mengstraße 48 und 50 durch; 1955 übertrug ihr die Hansestadt die Gebäude. So entstand das Schabbelhaus, das man heute betritt: ein Ensemble aus historischen Räumen, ausgestattet mit Mobiliar aus Museumsbeständen und Stiftungen Lübecker Kaufleute.

Achten Sie auf die Details, die die Jahrhunderte überdauert haben. Das steinerne Portal zur Mengstraße stammt aus der Renaissance, um 1590 entstanden. Die kostbarste Schöpfung aber ist die geschnitzte Wandvertäfelung in der Diele, datiert auf das Jahr 1595 und geschaffen von Tönnies Evers dem Jüngeren, einem der bedeutendsten Lübecker Bildschnitzer seiner Zeit – ein Meisterwerk der norddeutschen Renaissance, das schon den großen Brand von 1905 und später den Krieg überstand.
Heute ist das Schabbelhaus ein berühmtes historisches Restaurant und ein Ort für Veranstaltungen. Zweimal im Jahr versammelt die Kaufmannschaft hier ihre Mitglieder, und in den getäfelten Sälen speisen Gäste dort, wo einst Lübecker Kaufleute ihre Kontorbücher führten. Wer hier eintritt, sitzt nicht in einer Kulisse, sondern in fast siebenhundert Jahren Lübecker Handelsgeschichte.
- Der Bäcker und Konditor Heinrich Schabbel, geboren am 24. Juli 1861, vererbte der Stadt 125.000 Goldmark für ein Museum der Lübecker Wohnkultur.
- Heinrich Schabbel starb am 12. Dezember 1904; im September 1908 öffnete das nach ihm benannte Museum in der Mengstraße 36.