Haus der Schiffergesellschaft
Treten Sie ein in das vielleicht stimmungsvollste Haus der Hansestadt. Hinter der schmucken Backsteinfassade an der Breiten Straße, gleich an der Ecke zur Engelsgrube, versammelten sich einst die Männer, die Lübecks Reichtum über die Meere holten: die Schiffer, die Kapitäne der Hansezeit. Ein Grundstück an dieser Stelle ist schon seit dem 13. Jahrhundert bezeugt.

Ihre Bruderschaft reicht weit zurück. Schon am 26. Dezember 1401 schlossen sich Lübecker Seefahrer zur Sankt-Nikolaus-Bruderschaft zusammen – Nikolaus, der Schutzheilige der Schiffer, der über stürmische Fahrten wachte. Aus dieser frommen Gemeinschaft wuchs die mächtige „Schippern Selschup", die Schiffergesellschaft. 1535 kaufte sie für 940 Lübische Mark das Haus, in dem Sie nun stehen, und ließ es bis 1538 zu einem der schönsten Giebelhäuser der Stadt umbauen. Der Stil ist Frührenaissance, die sogenannte Backsteinrenaissance – dem ungeübten Auge kaum von der älteren Backsteingotik zu unterscheiden, mit der Lübeck so reich gesegnet ist.

Hier wurde nicht nur gefeiert. Gleichzeitig entstanden achtzehn Wohnungen für die Gildebrüder, denn die Gesellschaft war stets auch Fürsorge: Sie versorgte alte und bedürftige Seeleute, ihre Witwen und Waisen. Wer ein Leben lang Stürme und Klippen getrotzt hatte, sollte im Alter ein Dach über dem Kopf finden – mietfrei, dazu eine kleine Altersbeihilfe, im Lübecker Volksmund „Tabakgeld" genannt.

Werfen Sie den Blick nach oben. Von der Decke des großen Saals hängen kunstvolle Schiffsmodelle – Votivschiffe, dargebracht aus Dankbarkeit für glückliche Heimkehr. An den langen Wänden reihen sich die Gelagebänke, die mächtigen Bankreihen mit ihren geschnitzten Backwangen, an denen vor fast fünf Jahrhunderten Kapitäne und Kaufleute saßen, Seereisen planten, Geschäfte besiegelten und manchen Erfolg in Wein ertränkten. Neun Gemälde aus dem Jahr 1624 mit biblischen Szenen schmücken den Raum und zeugen vom Selbstbewusstsein dieser Seefahrerelite.

Mit dem Gewerbegesetz von 1866 endete die Vorrangstellung der alten Gilde. So fasste man 1868 den Entschluss, das Stammhaus zu verpachten – fortan diente es als Gaststätte und tut dies bis heute. Den Zweiten Weltkrieg, der weite Teile der Altstadt in Schutt legte, überstand das denkmalgeschützte Bauwerk unversehrt. Zwischen 1972 und 1976 wurde es umfassend restauriert und behutsam für die Zukunft bewahrt.

Die Gesellschaft selbst besteht bis heute fort; aufgenommen werden bis heute nur Kapitäne aus dem Lübecker Raum mit Patent für die Große Fahrt.
Spüren Sie es? In diesem Raum hat sich die Zeit verlangsamt. Wer an den blank gescheuerten Tischen Platz nimmt, sitzt buchstäblich dort, wo die hanseatische Seefahrt einst ihre Geschäfte machte – ein lebendiges Stück Welterbe, in dem die Geschichte nicht hinter Glas liegt, sondern serviert wird.
- Die Bruderschaft der Lübecker Schiffer wurde am 26. Dezember 1401 als Sankt-Nikolaus-Bruderschaft gegründet.
- 1535 erwarb die Schiffergesellschaft das Haus für 940 Lübische Mark und ließ es bis 1538 im Frührenaissancestil zum Gildehaus umbauen.