Katharinenkirche Lübeck
Schauen Sie an dieser Fassade nach oben, und Sie blicken zugleich ins Mittelalter und in die Moderne. Die Katharinenkirche an der Königstraße ist die einzige erhaltene der einst vier Lübecker Klosterkirchen – einst geistliches Zentrum der Franziskaner in der Hansestadt. Schon 1225 erhielt der Bettelorden hier ein Grundstück. Der heutige gotische Bau entstand ab etwa 1303 und war um 1356 vollendet: eine dreischiffige Backsteinbasilika, schlank und streng, errichtet aus rot-unglasierten und schwarz-grün glasierten Ziegeln. Im Inneren überrascht ein doppelgeschossiger Chor, der dem Raum eine ungewöhnliche Höhenstaffelung gibt. Eines aber fällt von außen sofort auf – der Kirche fehlt der Turm. Das war kein Versehen, sondern Programm: Als Kirche eines Bettelordens erhielt sie keinen stolzen Glockenturm, sondern nur einen kleinen Dachreiter mit Glocke. Ein hohes Geläut hätte nicht zur Demut der Franziskaner gepasst.

Das Bemerkenswerteste hängt jedoch nicht im Inneren, sondern steht draußen, in den Nischen der Westfassade. Hier schuf Ernst Barlach drei seiner kraftvollsten Klinkerfiguren – „Frau im Wind", den „Bettler" und den „Singenden Klosterschüler". Sie waren als Teil eines großen Zyklus gedacht, doch von dem ursprünglich auf bis zu 16 Statuen angelegten Programm konnte bis 1933 nur dieses Trio ausgeführt werden. Erstmals gezeigt wurden die drei Figuren im Oktober 1932 auf der Herbstausstellung der Preußischen Akademie in Berlin. In ihre Nischen an der Fassade kamen sie aber erst 1947 – denn die Nationalsozialisten hatten Barlachs Kunst als „entartet" verfemt. Erst 1949 vollendete Gerhard Marcks das Programm: An seinem 60. Geburtstag, dem 18. Februar 1949, wurden seine sechs Figuren aufgestellt – darunter „Schmerzensmann", „Kassandra" und „Prophet". So stehen hier neun Skulpturen zweier der bedeutendsten deutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts dicht beieinander, ein Figurenprogramm von Weltrang an einer mittelalterlichen Wand.

Auch im Inneren wartet eine Kostbarkeit: die „Auferweckung des Lazarus" von Jacopo Tintoretto, datiert 1576. Es ist das einzige Werk des großen venezianischen Malers in ganz Nordeuropa – ein dunkles, dramatisches Bild von 140 mal 104 Zentimetern, vor dem man die Wucht der venezianischen Malerei spürt.

Die Geschichte des Hauses ist bewegt. Mit der Reformation endete 1531 das Klosterleben; in den Räumen entstand eine Lateinschule, aus der das benachbarte Katharineum hervorging. Während der französischen Besetzung zwischen 1806 und 1813 wurde die Kirche profaniert und als Pferdestall und Lazarett missbraucht. Heute ist sie Museumskirche und gehört zu den Lübecker Museen – ein stiller, kühler Raum, in dem Backsteingotik und klassische Moderne auf engstem Raum miteinander ins Gespräch kommen.
- Die Franziskaner erhielten das Grundstück bereits 1225; der heutige gotische Bau entstand ab etwa 1303 und war um 1356 vollendet.
- Ernst Barlach schuf für die Westfassade drei Klinkerfiguren – „Frau im Wind", „Bettler" und „Singender Klosterschüler"; bis 1933 wurde nur dieses Trio des geplanten Zyklus ausgeführt und erstmals im Oktober 1932 in Berlin gezeigt.