Zeughaus Lübeck
Direkt neben dem mächtigen Backsteinklotz des Doms steht ein Gebäude, das auf den ersten Blick freundlicher wirkt als seine Nachbarn: helle Sandsteinbänder gliedern die rote Ziegelfläche, geschwungene Voluten krönen den Giebel. Das ist das Zeughaus, errichtet im Jahr 1594. Wer genau hinsieht, erkennt hier nicht die strenge gotische Sprache der Lübecker Kirchen, sondern den verspielteren Klang der niederländischen Backsteinrenaissance, die damals von den Handelsstädten an der Nordsee herüberschwappte und Ziegel und Sandstein zu einem heiteren Wechselspiel verband.


Die zeitgenössische Chronik hält den Baubeginn genau fest: "Anno 1594 in der Wochen für Pfingsten ist zu Lübeck das Zeughauß bey dem Thurm angefangen worden zu bauen." Als Bauleiter gilt der Ratsbaumeister Hans von Rode. Doch der Name täuscht zunächst, denn errichtet wurde das Haus ursprünglich gar nicht für Waffen, sondern als Kornhaus, als städtischer Getreidespeicher. Über dem Portal saß deshalb einst Ceres, die römische Göttin des Getreides. Erst als das Militär das Gebäude übernahm und zum Arsenal umwidmete, wurde sie durch Mars ersetzt, den Kriegsgott. So wurde aus dem Speicher ein Zeughaus, ein Waffenarsenal. Die verwitterte Marsfigur musste schließlich 1896 herausgenommen werden.


Die folgenden Jahrhunderte lasen sich am Gebäude ab wie an einem Geschichtsbuch. Anfang des 19. Jahrhunderts, um 1804 und 1805, wurde es im Zuge der Entfestigung der Stadt geräumt. Während der Franzosenzeit nutzte man es als Kaserne, ab 1826 zog ein Wollmagazin ein, das bis zum Ersten Weltkrieg blieb. Das Lübecker Bürgermilitär lagerte hier bis 1869 sein Gerät. In den 1920er Jahren wurde das Haus zum Polizeidienstgebäude umgebaut. Damit beginnt das dunkelste Kapitel: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 übernahm die Gestapo das Zeughaus und richtete im Untergeschoss Verhörzellen ein. Hinter der schönen Renaissancefassade wurden Menschen gefangen gehalten und verhört. An diese Zeit erinnert heute ein Mahnmal am Gebäude.

Im Inneren beeindrucken die Ausmaße. Der große Saal im Erdgeschoss misst rund 66,90 Meter in der Länge und gut 10 Meter in der Breite, ein einziger weiter Raum, getragen von kräftigen Deckenbalken von etwa 35 mal 38 Zentimetern Stärke. In den oberen Geschossen teilten hölzerne Stützen den Raum. Über solche Spannweiten wachte man, weil hier zunächst Vorräte und später Waffen gestapelt lagen. Von 1985 bis 2007 zeigte die Völkerkundliche Sammlung der Stadt in der ehemaligen Geschützhalle ihre Schätze, ehe sie aus Kostengründen geschlossen wurde. Heute dient das Zeughaus dem Archiv der Hansestadt als Magazin. Es bewahrt also wieder etwas Wertvolles auf, diesmal nicht Korn oder Kanonen, sondern das Gedächtnis der Stadt selbst.
- Das Zeughaus wurde 1594 neben dem Lübecker Dom im Stil der niederländischen Backsteinrenaissance errichtet; Bauleiter war der Ratsbaumeister Hans von Rode.
- Ursprünglich war der Bau als Kornhaus geplant: Über dem Portal stand die Getreidegöttin Ceres, die später durch den Kriegsgott Mars ersetzt wurde; die verwitterte Mars-Figur wurde 1896 herausgenommen.